WELLUNG DES HUMANHAARES 327 kannt, wobei - wie bereits erwihnt - die Faser um 40ø/o ihrer Linge vor der Behandlung gedehnt wird. Dabei geht die 3,7 s-Helix fast quantitativ in die gestreckte fi-Form fiber, die dann mehr oder weniger - abhingig yon den jeweiligen Bedingungen -permanent erhalten bleibt. Nach Alexander (49) sind dabei H-Bindungen nicht unwesentlich beteiligt, da dutch konzentrierte LithiumbromidRSsung eine permanente Set komplett rtickgingig gemacht werden kann. Bei der dauerhaften Btigelfalte - dem Siro-Set-Verfahren - wird eine Form- verinderung der Wollfaser erzielt, die der Dauerwelle des Humanhaares sehr ihnlich ist. Theoretische Vorstellungen speziell zur dauerhaften Biigelfalte liegen m. W. nicht vor. Was geschieht nun mir dem Humanhaar bei einer Dauerwelle mir Thio- glykolat ?* Das handtuchfeuchte Haar wird auf diinne Wicklet aufgewickelt. Hierbei wird das Haar wie bei der Wasserwelle um maximal l/z% seiner Linge gedehnt. Durch eigene Messungen lieB sich eindeutig beweisen, dab weder das Aufwickeln noch das Kimmen massive ,,Haardehnungsbean- spruchungen" darstellen, wie das 1950 yon SchultheiB und Fuhrmann (30) behauptet worden ist. Wihrend der Einwirkung der ThioglykolatRSsung quillt das Haar nur im Durchmesser um rund 100%. Der Friseur hilt sehr genau die yon uns (50) vor einigen Jahren publizierte ,,Versuchsraummenge" ein, das sind ca. 50 ml 1 n Wellfiiissigkeit / 30 g Haar. Diese Thioglykolatmenge reicht theoretisch zur Reduktion des gesamten Haarschwefels aus. Die Analyse zeigt aber, dab bei einer guten Dauerwelle nur 1: o-ZU7o des Gesamt-Schwefels in SH-Grup- pen tibergeftihrt werden (50, 51). Bei geringerem Reduktionsgrad ist die Umformung zu schwach, bei wesentlich stirkerem Reduktionsgrad, also bei unsachgemiBer Wirmezufuhr oder zu langer Einwirkzeit, steigt der SH- Weft auf 25ø/o und mehr und das Haar ist dann iiberkraust es hat keine Elastizitit mehr. Auch bei Anwendung eines 10- bis 100fachen Oberschusses an Dauerwell- L•Ssung kann man in einem Schritt maximal nut 45 bis 50øfo des gesamten Humanhaarschweoeels in SH-Gruppen iiberfiihren (52). Diese Barriere, zu- sammen mir der enormen Dickenquellung erscheint verstindlich, wenn man annimmt, dab nur Disulfidbrticken in der Matrix, dem nicht-kristallinen Tell des Haares, reduziert werden (Es ist bekannt, dab amorphe Bereiche einer Substanz leichter angreifbar sind als kristalline). Es ist bisher nicht eindeutig gelungen nachzuweisen, dab die SH-Gruppen nach Blockierung mir Jod- * Es wird im Rahmen dieset Arbeit darauf verzichtet, alle die Substanzen aufzuz•ihlen, die zum Dauerwellen in Ver•Sffentlichungen und Patenten vorgeschlagen worden sind. Praktische Be- deutung hat fast ausschlieBlich die Thioglykolsiure erlangt.
328 JOURNAL OF THE SOCIETY OF COSMETIC CHEMISTS acetamid und oxidativem Abbau nach Gillespie (53) nut in der 7-Keratose, die den nichtfibrill/iren Bereichen zuzuordnen ist, erscheinen. Eindeutig kann man abet erkennen, dab nach dieset Behandlung in der 7-Keratose der Ge- samtcystingehalt viel st/irker abgesunken ist als in der =-Keratose (54). Allerdings hat man dutch die Elektronenmikroskopie in den letzten 10 Jah- ten eindeutig zeigen k6nnen, dab in einem reduzierten Haar (55)* nach Be- handlung mir Osmiumtetroxid**, die dutch Os-Anlagerung geschw/irzten Be- reiche bevorzugt im Zement, also in dem nichtfibrill•iren Tells des Cortex liegen (s. auch Abbildung 7 in (42)). Damit ist die bis in die jtingste Vergangenheit in der Literatur vertretene Annahme (56), dutch die Reduktion des Haares wiirden die Fibrillen ihre Quervernetzung verlieren, in Frage gestellt. Ganz widerlegen 1/iBt sich diese Annahme dutch eine einfache Oberschlags- rechnung' Bei einer Dauerwelle wird das Haar auf einen Wicklet yon ca. 8 mm -- 8.107 3. Durchmesser aufgewickelt. Der Urnfang U -• 2 r•r betEigt dann 8 mm ß 3,14 = 25,12 mm = 251200000 3*. An dieset Stelle liege die eine von zwei benachbarten Peptidspiralen. Die zweite liege 10 3. davon entfernt' Der Durchmesser dieset Peptidspirale ist dann 80 000 000 3. -- 20 3. = 79 999 980 )x, der Urnfang 79999980 3*. 3,14 = 251199937 3*. Das heiBt, die Umfangdif- ferenz (A U) betr/igt nut 63 3*. Bedenkt man, dab bei statistischer Verteilung yon 5% S im Haarkeratin auf jede 5. Aminosiure eine Disulfidbindung ent- fallen mtiBte und pro Aminos•iure ein Abstand yon 1,5 3. r6ntgenographisch festgestellt worden ist, so ergibt sich, dab alle 7,5 3. eine Sulfidbrticke sein mtiBte. Auf den Wicklerumikng entfielen dann 251200000: 7,5 = 33,5 Mil- lionen Sulfid-Brticken! Diesen 33,5 ß 106 Sulfidbrticken stehen nut 63 3* A U gegentiber. Pro Sulfidbrticke w•iren das 63 3* ß 33,5 ß 106 -- 2.10-6 3*. Man sieht deutlich, dab bei einer Dauerwellung aus Eiumlichen Grtinden keine Schwefelatome ihren Partner wechseln kOnnen, wie das im m. W. 1955 in der Literatur erstmals d a r g e s t e 11 t e n L e i t e r m o d e 11 (18) vorgesehen ist*** Reduziertes Keratin ist weich- plastisch - mechanisch verformbar**** Die Zahl der Disulfid-Brticken ist geringer als im unbehandelten Haar. * Nach Rogers I: 0,4 n Thioglykolsiure, pH 5,5 (Natriumacetat) 24 Stunden-+ 17% freie SH-Gruppen. ** 2% OsO 4 in Wasset, 5 Tage. *** In den Berufsfachschulen wird noch heute reit diesem Modell gearbeitet. **** Reduziertes Keratin ist einem Weichgummi vergleichbar, der maximal 5% gebundenen Schwefel enth•ilt. Das native und das wieder reoxidierte Haar wire dann mir Hartgummi ver- gleichbar, der bis 32 % S gebunden enth•lt (57). In Ver6ffentlichungen fiber die Vulkani- sation yon Kautschuk (57) wird nachgewiesen, dab auch die Hiirte des Gummis allein yon der Zahl der Disulfidbrficken abh•ingig ist.
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