546 JOURNAL OF THE SOCIETY OF COSMETIC CHEMISTS die Geschlechtszugeh6rigkeit und andere soziale Charakteristika wesent- lich durch chemische Sinne vermittelt und die Bildung und Aufrecht- erhaltung stabtier Gruppen dutch die Sinneswahrnehmungen reguliert. In zahlreichen Untersuchungen mit experimenteller Zerst6rung des Bulbus olfactorius, einem Teil des Geruchsorganes, konnte nachgewiesen wetden, dag die sexuelle Aktivitat auch bei mannlichen Tieten gehemmt wurde {1}. '/khnliche Ergebnisse sind bei zahlreichen anderen Tier- spezies erhoben worden, z. B. bei Ratten oder Goldhamstern. Auch bei h6her entwickelten Spezies konnten Hinweise auf ent- sprechende Beziehungen zwischen dem Riechsystem und sexuellen Reaktionen nachgewiesen wetden. Zum Beispiel scheint der von der Ostrogen-Androgenproduktion abhangige Vaginalgeruch bei Rhesusaffen die Attraktivitat des Weibchens ffir mannliche Affen zu steuem. Bei weiblichen Rhesusaffen wurden Pheromone aus der Vagina isoliert und eine Abhangigkeit des mannlichen Verhaltens von der Anwesen- heat dieser Duftstoffe nachgewiesen {2}. Vorwissenschaftliche Erfahrungen fiber die Wirkung von Duftstoffen auf den menschlichen Organismus lassen sich bas in vorgeschichtliche Zeiten nachweisen. Der objektive wissenschaftliche Nachweis derartiger Effekte beam Menschen bereitet jedoch, anders als bei vielen stammesgeschicht- lich f 'mheren Lebewesen, wegen seiner geringen Auspragung und der grol•en individuellen Schwankungen erhebliche Schwierigkeiten. Selbst relativ einfache Differenzierungen wie die Geruchswirkung auf die Dimension Aktivierung/D'•npfung wurden basher selten experimentell erfagt {3 }. Die Abhangigkeit der sexuellen Reaktionen des Menschen von Geruchsreizen ist zwar eine alte Erfahrung, die in zahlreichen Darstellungen fiber aphrodisiakische Wirkungen erwahnt ward, sie ist basher aber experimen- tell wenig belegt. Einer der Grfinde dfirfte sein, dag genetische Verhaltens- steuerungen beam Menschen und frfihkindliche Pragungen stark von Lernfaktoren fiberlagert werden. Immerhin gibt es einige Beobachtungen, die die bisherigen vorwissenschaftlichen Erfahrungen bestatigen: Seat langem ist bekannt, dag die Empfindlichkeit des Geruchssinnes Schwan- kungen unterliegt {4}, die vom Menstruationszyklus abhangen. Sehr interessante, den Ausschaltungsexperimenten bei Nagetieren analoge Beobachtungen wurden bei Menschen mat einer durch pathologische Prozesse bedingten Anosmie beobachtet, d. h. partielle Geruchsblindheit ffihrt zu einer deutlichen Reduktion der sexuellen Reaktionen. R. L. Henkin hat mat Recht darauf hingewiesen, dag dem Geruchssinn trotz seiner engen Beziehungen zu basalen, verhaltenssteuernden Him- funktionen basher nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. In
SEX MOTIVES DURING ODOR PRESENTATION 547 Fortf/fihrung fr/fiherer Arbeiten schien uns deshalb eine experimentelle Clberprtifung psycho-sexueller Auswirkungen von Geruchsstoffen am Menschen erforderlich. Soiche Untersuchungen tragen nicht nur zu einer besseren objektiven Differenzierung der bisher mehr intuitiv erfaf•ten Geruchswirkungen bei, sondern kOnnten auch das Verst'findnis der psycho-olfaktorischen Wirkungen und ihrer verhaltenssteuernden Effekte mit allen theoretischen und praktischen Implikationen f6rdern. B. Angewandte Methode Wahmehmungsprozesse und Verhaltenstendenzen werden durch interne und externe Reizbedingungen gesteuert. Diese Tatsachen sind seit langem bekannt und sie bedeuten, dag der menschliche Organismus je nach Bed/firfnislage die Leistungsf•ihigkeit der Sinnesorgane zu beeinflussen vermag. Ein Beispiel: Vielen Frauen ist die Erfahrung bekannt, dag sie im Zustand eigener Schwangerschaft auf der Strage schwangere Frauen eher sehen als sonst. Oder: einem hungernden Menschen fallen Objekte, d•e mit Nahrungsmitteln zusammenh•ingen, bereits unter Bedingungen auf, unter denen sie dem Ges&tigten verborgen bleiben (5}. Analog dazu stellten wir uns die Frage: Kann ein durch Parrum stimuliertes Individuum Reize sexuellen Inhaltes schneller erkennen als ohne Parfum ? Die meisten Untersucher, die sich mit der Abhangigkeit der Wahr- nehmung von internen oder extemen Reizbedingungen befassen, be- dienen sich optischer Methoden, weil mit ihnen Prtifungsbedingungen besonders gut abzustufen und experimentell erfaf•bar sind. Es lag deshalb nahe, auch f/fir die von uns beabsichtigten Untersuchungen visuelle Reize zu verwenden. Unser Experiment bestand aus der Darbietung von Diapositiven, auf welchen gleichzeitig eine st•idtebauliche Ansicht von Mtinchen und eine erotische Szene zu sehen war. Diese Doppelbilder ergaben sich dadurch, daf• wir ein Dia aus einem Andenkenladen und ein zweites mit einer sexuellen Szene/fibereinander legten. Wir verwendeten 8 solcher Bilder mit unterschiedlichen baulichen und erotischen Szenen, die wir so anordneten, dag beim 1. Bild eindeutig die Stadtansicht und beim 8. Bild eindeutig der sexuelle Inhalt dominierte. Die dazwischenliegenden Bilder wurden so variiert, daf• von Bild zu Bild die Stadtansicht zugunsten des sexuellen Inhaltes abnahm. Der Sinn dieser Doppelbilder bestand darin, eine unklare Wahmehmungssituation zu schaffen, wodurch die Versuchspersonen die M6glichkeit hatten, im Sinne einer Wahrnehmungsselektion den einen Inhalt zu bevorzugen und den anderen zu vemachl•issigen.
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