DIE BEDEUTUNG DES PARFOMS 813 Die PMniatrika oder - herk6mmlich - Kosmetika, fiben zwei miteinander kausal verknfipfte Effekte aus. Einen spezifischen, direkt auf die Entstellung zur Behebung oder Vorbeugung gerich- teten physisch-substantiellen Effekt als Voraussetzung des unspezifischen ph•niatrischen Effektes, dutch den der Ph•inomorbositiit vorgebeugt oder sie behoben wird. Phiiniatrika sind nicht an eine bestimmte Applikationsweise zu binden. Die Applikation kann vielmehr gegebenenfalls kiinftig auch intern erfolgen, dann allerdings stets in argt/icher Kompeteng, wozu auch neben der Wirkstoff- und der Applikationsart sowie der Applikationsdauer, Wirkungs- breite und zu erwartende systematische oder lokale unerwfinschte Nebenwirkungen zwingen. Die Ansicht yon G. Hopf (6) und Christa Lfiders-Lohde (7) fiber die Kosmetik stimmt in ihrem wichtigen Wesenszug, der ditekten Verknfipfung mit GesundheiIser•iehung und Gesundheitspflege, reit dem Adaptationsmodel] fiberein. Dementsprechend babe ich die Ph•iniatrika, dem PostulaI der IVeltgesundheitsorganisation Rechnung tragend, wonach Gesundheit auch soziales Wohlbefinden einschlieBt, als So•ialhygienika charakterisiert. TATBESTXNDE UND BEGRIFFE Der Versuch, das ihrer wesentlichen Wirkung auf den Menschen nach Gemeinsame der Olfaktoria und PNiniatrika und somit unspezifisch Eigen- ttimliche deutlich zu machen, verlangt vorerst gewisse Festlegungen. Ko?pergeruchsspMre Beztiglich der K6rpergeruchsspNire, bekanntlich nach W. Neuhaus (8) ein Gemisch gr6Btenteils •ihnlicher Duftstoffe zur gleichen Schwellenstufe erg•inzt, soll im Prinzip der Auffassung yon L. L6hne (9) gefolgt werden. Dieset zufolge ist der Individual- oder Eigengeruch der individuelle Fein- geruch des reingehaltenen nackten K6rpers, zu dem sich variable Beigeri•che yon Duftstoffdeponaten exogener und endogener Herkunft auf der Haut- oberfl•iche gesellen. In AbNingigkeit yon Alter und Geschlecht, vom Grad der Sauberkeit, yon physiologischen und pathologischen Gegebenheiten sowie vom professionellen und privaten Milieu entsendet der Mensch an seine soziale Urnwelt wandelbare Gertiche. Dabei spielen die r•iumliche N•ihe der Individuen zueinander, die Dauer des Kontaktes und ihr Geruchsver- m6gen eine ftir die Wahrnehmung entscheidende Rolle. Die K6rpergeruchs- spNire unterliegt noch weiteren physikalisch-chemischen Einfltissen. Sie variiert mir der Diffusionsgeschwindigkeit der Duftstoffmolektile, mir at- mospNirischen und r•iumlichen Bedingungen, unvorhersehbaren Luftstr6- mungen beztiglich Intensit•it, Reichweite und Verdichtungsbereichen ent- sprechend bestimmten K6rperstellen, wie den Axillen und der genital-analen Region mir den apokrinen SchweiBdrtisen, den Arealen starker sekund•irer und der Kopfhautbehaarung. Die Bekleidung des K6rpers tibernimmt die Funktion eines k•instlichen Exterieurteilsubstrates, das vorzugsweise exogene Gertiche deponiert und den Eigengeruch des Individuums oft geradezu
814 JOURNAL OF THE SOCIETY OF COSMETIC CHEMISTS v611ig filtriert oder vermindeft. Im Prinzip besitzt die K6rpergeruchssph•ire ganz allgemein die Funktion einer [,formatioas•bermitt/aaeg unter Transport yon Materie, den Molekillen der riechenden Stoffe. Die o.lfaktorische Entstellung So relativ einfach es ist, Entstellungen an den ilbrigen Exterieurteilsub- straten, Haut mir ihren Anhangsgebilden, den sichtbaren Z•ihnen und Teilen der Mundh6hle zu beschreiben, so schwierig scheint es doch zu sein, Ent- stellungen an der K6rpergeruchssph•ire zu erfassen. Der Grund hierfilr liegt in der Variabilit•'t ihrer Wahrnehmung und Beurteilung mir recht groBem Spielraum schon bei einem Individuum und in bezug auf Kultur- r•iume, mir deren Verschiedenheit die Beurteilung derselben Geruchsqualit•it ebenfalls Schwankungen unterliegt. Die olfaktorische Entstellung gewinnt ihre soziale Bedeutung nut aus dem Zusammenhang mir dem K6rper und den Auswirkungen auf Mitindividuen. Ein ,,olfaktorisch entstellter" Gegenstand ist leicht zu eliminieren, auch ein abstoBendes Parfilm. Man macht diese Dinge zu Milll. Der Mensch hingegen muB sich abet wegen seiner Entstellung mir seiner sozialen Urnwelt aktiv auseinandersetzen, selbst dann, wenn er, infolge z. B. einer Anosmie, seine Entstellung erst an der Abwehr dutch die soziale Urnwelt merkt, etwa dutch den Sexualpartner. Die K6rpergeruchssph•ire zu entstellen, vermag jeder bei Umgebungs- und K6rpertemperatur flilchtige endogene oder exogene dechen& Stoff in einer Konzentration oberhalb der spezifischen Riechschwelle, der sich den Mitgerilchen gegenilber physikalisch-chemisch durchsetzt oder mir ihnen eine neue Geruchsqualit•'t lieferr, so dab dessen Mnmutungs•veise abstoBend, wie eklig, widerw•irtig, unangenehm, und deshalb bewuBt zur Geltung gelangt: Dabei ilben sicherlich die Adaptation des Geruchssinns an den Dauerreiz der iihnlichen Gerilche des K6rpers und die Konzentrationsh6hen zus•itzlich ihre entsprechenden Einflilsse aus. Der wahrgenommene abstoBende, die K6rpergeruchssph•ire entstellende Geruch hat seitens der sozialen Urnwelt filr das betreffende Individuum eine AusstoBreaktion zur Folge. Es mag daher erlaubt sein, den entstellenden Geruch als Aggressionsaus16ser zu betrachten. W•ihrend abet visuell oder taktil wahrnehmbare Entstellungen als Aggressionsaus16ser recht gleich- m•iBig auf die soziale Urnwelt zu witken scheinen, ist dies, wie schon an- gedeutet, bei olfaktorischen nicht in diesem Umfang der Fall. Die Relativit•7 olJaktorischer Entstellungen ist anscheinend besonders ausgepr•t.
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