826 JOURNAL OF THE SOCIETY OF COSMETIC CHEMISTS nimmt, um das Herannahen yon etwas Unbekanntem, Unheimlichem, Un- voraussehbarem anzuzeigen. Damit ist die Tiefendimension neuerlich eriSff- net, yon der ich zu Anfang sprach. In dieset Tiefendimension entwickeln sich abet auch spo.ta.e e/eme.tare so•iale 17erhiiltnisse wie S•ympathie und ,4ntipathie, und wieder greift man zu Metaphern aus der Geruchswelt: Ich kann ihn nicht riechen. Ubrigens schwimmen hier oft die belden Dimensionen des Geruchs und des Ge- schmacks zusammen. So sagt man im Schweizer Deutschen: Ich kann ihn nicht ,,schmiScken". So werden Antipathien begrilndet, beyor noch ein anderes Instrument des sozialen Verkehrs, die Sprache, ansetzt. Gerilche wirken also als nichtsprachliche oder vorsprachliche Kommunikation und beweisen ilbrigens ebenfalls die vorher erwiihnte ausgesprochene Unbelehrbarkeit. Denn wenn man jemanden nicht riechen kann, helfen einfach keine Be- teuerungen intellektueller Art, wie gut, wie tilchtig, wie sympathisch der andere sei. Damit wird der Geruch zu einem wesentlichen Steuerungssystem unseres unmittelbaren sogialen Urngangs. Man setzt vielleicht nicht mehr Geruchs- signale wie der Hund oder ein anderes Tier, abet man orientleft sich blind- lings an solchen Signalen, ganz gleich, wie sie im ilbrigen entstanden sein miSgen. Angesichts dieset Situation kann es nicht ausbleiben, dab man erst unbewu13t, dann bewu13t versucht, den Geruch derart zu steuern, dab man eben nicht in schlechten Geruch kommt. Diese Manipulation einer stammes- geschichtlich sehr tier begr•ndeten Fertigkeit des Menschen nennen wit abet Par- f•nierung. Wenn wit sagen ki3nnen, dab sich der Mensch sogial am Geruch orientiert, um ilber Sympathie oder Antipathie zu entscheiden, so kann man sofort hinzufilgen, dab er offensichtlich seit Jahrhunderttausenden diese Welt der Gerilche zu beherrschen gesucht hat dutch Herstellung yon Parfilms. Gerilche sind nun au13erordentlich flilchtig, so sind uns Duftstoffe aus alten Zeiten nicht erhalten, so dab wit nichts ilber ihre Zusammensetzung sagen kiSnnen. Wohl abet sind uns die Behiilter erhalten, in denen Parfilms trans- portleft wurden. Die iigyptischen, griechischen und riSmischen Museen sind roll yon solchen Parfilmfliischchen. Gerade aus den bildlichen Darstellungen der alten •gypter kiSnnen wit abet den Gebrauch dieset Fliischchen erkennen. In anderen gro13en Dokumenten der Geschichte, wie z. B. dem alten Testa- ment, wird etwa in den Liedern Salomons sehr eingehend ilber Parfilmierung gesprochen, wobei er uns gleichzeitig einen Oberblick gibt ilber die Varietiit der damals verfilgbaren Parfilms. All das erlaubt uns gewisse Rilckschlilsse, wenn wit solche Objekte bei anderen frilhgeschichtlichen Kulturen im Mitt- leren Osten, in Indien, China und Japan finden. Parfilms gehi3ren eben seit
KULTURANTHROPOLOGISCHE BETRACHTUNG 827 jeher zur Kosmetik der vornehmen Damen, abet auch der Minner. In den heutigen Kulturen der sogenannten Dritten Welt finden wit das gleiche. Die Afrikaner sind groB in der Herstellung vielet Parfilms, und zwar sowohl die Araber wie die Schwarzafrikaner. Man spricht berechtigterweise von den Wohlgerilchen Arablens. Viel mehr trifft das abet noch filr Indien zu, wo mir Gerilchen geradezu ein Kult getrieben wird. Es gibt nicht nut zahllose Formen yon Weihrauch und Riiucherkerzen oder R•iucherf•iden, sondern auch MObel aus wohlriechenden H•51zern. Wohlriechende H•51zer wurden seit jeher yon den groBen Seefahrern und Entdeckern nach Europa gebracht sie waren mindestens so begehrt wie Gold. Weir verbreitet ist die Sitte, sich sogar auf der StraBe ein pers•3nliches Riechklima zu schaffen. So kann man in Nordafrika ilberall auf der StraBe kleine JasminstriuBchen kaufen, die sich die M•inner hinter die Ohren, unter den Fez oder Turban klemmen. Dann sinkt der Geruch in die Nase. Der Sinn dieses Verhaltens liegt darin, dab man auf den Wohlduft auch auf der StraBe nicht verzichten will. Und das hat seinen guten Grund, denn man will gegen die schlechten Gerilche der StraBe ank•impfen. Gerade in primitiven Kulturen, die ilberhaupt nichts zur Vernichtung von Unrat taten, muB es unheimlich gestunken haben. Man kann das heute noch in jedem orientalischen St•idt- chen erieben, wo die Kanalisation often ilber die StraBe verl•iuft. Das war abet in unseren mittelalterlichen Staidten genau so. Auch da hat es also gestunken. Es gibt eine Beschreibung sogar der Stadt K•51n aus dem 18. Jahrhundert, in der der schlechte Geruch dieset Stadt verfiucht wird. So war es eine durchaus wohlbegrilndete Selbstwehr, wenn man sich mir einer eigenen GeruchsatmospNire umgab. Auch von den Bienen sagen wit, dab sie eine Geruchsuniform tragen. Die Parfilmierung schafft beim Menschen kilnstlich eine solche Geruchsuniform, die ihn in gewisser Weise vor den schlechten Gerilchen der Urnwelt schiltzt. Die Geruchsuniform dient abet auch dazu, ein Individuum zu erkennen, das nicht ,,dazugeh•3rt". Die Biene, die anders riecht, wird vom Bienenstock vertrieben oder gat get&et. Man will gewisse Gerilche meiden. Diese spielen insbesondere eine Rolle bei der Unterscheidung der sozialen Klassen. So spricht man etwa vom ,,Arme-Leute-Geruch". Der schwedische Dichter August Strindberg verband damit Kohlgeruch, well Kohl ein billiges Nah- rungsmittel ist und infolgedessen von den armen Klassen am meisten kon- sumleft wird. In anderen Kulturen sind es andere Gerilche, zum Beispiel am Mittelmeer, im Balkan und im Orient der Knoblauch. Dazu geNSten auch die vermeintlichen ,,Rassengerilche", die allerdings nichts mir Rassen zu tun haben, sondern nut mir besonderen Ern•ihrungsweisen (wiederum Knob-
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