824 JOURNAL OF THE SOCIETY OF COSMETIC CHEMISTS Der groBe franz6sische Dichter Marcel Proust kommt in seinem Haupt- werk ,,A la recherche du temps perdu" mehrfach auf das Problem der Gertiche zu sprechen. Ich weiB kein besseres Beispiel, um unmittelbar nahezubringen, welche Funktion Gertiche in der sozialen Weltorientierung des Menschen spielen. Prousts Ziel ist, die eigene Vergangenheit wiederzufinden. Um das zu realisieren, versucht er sich vorzustellen, wie die Dinge objektiv waren, die ihm einstmals begegneten. Auch die Menschen versuchte er auf diese Weise wieder vor sein Ged/ichtnis zu zaubern. Abet so viel Mtihe er sich auch gab, es gelang ihm nut h6chst unvollkommen. Alles blieb rage, unanschaulich, irgendwie unfaBbar, obwohl er sich zu erinnern glaubte, dab er einmal vollst/indig in dieset Wirklichkeit gefangen gewesen war. W/ihrend er so vor sich hindachte, genoB er seinen Tee und aB ein Geb/icksttick, das man fran- z6sisch ,,Madeleine" nennt und das die Form einer Muschel hat. Gedankenlos stippte er es in seinen Tee und ftihrte es zum Munde, wie in frtihester Kindheit im Hause seiner GroBmutter getan, und p16tzlich waren da ein Geschmack und ein Geruch, aus denen die Vergangenheit hervorstieB, als sei sie Gegenwart. Ein lerner Sommertag stieg vor ihm auf, under sptirte den Geruch von trock- nem Stroh, in das sich auch der Geschmack yon Staub mischte. Aus Geschm•icken und Gertichen kam mehr als aus seinem Vorstellungs- ver, m6gen. Es erging Marcel Proust •ihnlich wie dem irischen Dichter James Joyce, der gegen die ,,unentrinnbare Objektivit•it des Sichtbaren" ank•impfte, um dahinter die tiefen Grtinde der Wirklichkeit zu erfassen, nur dab er diese nicht suchte durch Geschmack und Geruch, sondern durch den Klang der Sprache. Proust seinerseits kam zu dem SchluB, dab die Obermacht des Auges, die aus dem Menschen ein sehendes Wesen macht, diesen Menschen nicht nur - wegen seines aufrechten Ganges - vielen anderen Tieren tiberlegen macht, sondern gleichzeitig in seinen Erlebnism6glichkeiten einschr•nkt denn so sehr sich der Dichter bemtiht hatte, das Vergangene wieder ,,zu sehen", es gelang ihm nicht. Durch den Geruch und den Geschmack war aber alles derart greifbar wieder da, als sei es hiereals vergangen gewesen. Entsprechend dieser Erfahrung unterscheidet Marcel Proust zwischen einem tiberwiegend visuell bestimmten Oberfl•ichenged•ichtnis und dem Tiefenged•ichtnis, in dem Geschmack und Gertiche, aber auch Kl•inge und T6ne eine besondere Rolle spielen. Sein philosophischer Lehrer Henri Bergson bringt dies Tiefenged•chtnis mir dem allgemeinen Begriff der sch6pferischen Entwicklung, mir der Spontaneit•t und mir der Tiefendimen- sion des Instinkts zusammen. Letzteres hat ftir uns heute neue Aspekte er- halten, es bleibt aber nach wie vor in der Humangenetik eine besondere Stellung yon Geschmack und Geruch, die gewissermaBen phylogenetisch, also stammesgeschichtlich frtiher ansetzen als das Auge. Damit entwickelt sich schon hier die herausgehobene Stellung des Geruchs, zun•chst vetstan- den als Geruchsverm6gen. Damit wird auch nahegelegt die ktinstliche Her- stellung yon Riechstoffen, zun•ichst wie der Mensch sie in der Natur vor-
KULTURANTHROPOLOGISCHE BETRACHTUNG 825 findet, dann aber auch ganz kfinstliche Gerfiche. Ich schulde Rechenschaft darfiber, warum ich fiberhaupt dayon angefangen habe. Ffir die Soziologie, die Kulturanthropologie und letztlich auch oefir die Sozialpsychologie gilt eine Regel, dab Verhaltensweisen, die phylogenetisch sehr oerfih ansetzen, auch besonders hartniickig sin& Sie dominieren in ganz anderer Weise als etwas Angelerntes. Soziale Institutionen, aber auch be- stimmte Formen zwischenmenschlicher Beziehungen, sind um so dauer- halter, als sie in solchen Dimensionen aufruhen. Man spricht dann geradezu yon ihrer Unbelehrbarkeit durch irgendwelche entgegenstehende Erfahrungen. Dazu geh6ren etwa Erscheinungen des Sexuallebens, aber auch Fragen der Macht, der Familien- und Verwandtschaoetsbeziehungen, ja sogar der Vorurteile. Ein anderes Beispiel: Das Saugen geh6rt zu den menschlichen Techniken des K6rpers, die arterhaltend sind ohne Fiihigkeit des Saugens k6nnte sich der Mensch nicht erniihren. Nun - es scheint, dab hereits der Embryo im Mutterleib am Daumen lutscht, so dab es ihm keine Mfihe macht, die Technik des Saugens yon der Mutterbrust sofort anzuwenden, nachdem er zur Welt gekommen ist. Ganz iihnlich steht es mir der Rolle der Gerfiche in der menschlichen Weltorientierung, und zwar ganz besonders im Sozialen. Die Riechkraoet, fiber die Hunde und viele andere Tiere verffigen, ist dem Menschen zweifellos versagr. An deren Stelle verffigt er fiber das Auge. Dazu hat er einen auf- rechten Gang, der sein Blickoeeld vergr6Bert. Da er auBerdem mir einer einzigartig geformten Hand ausgestattet ist, kann er diese selbst als Waffe benutzen oder mir ihr Waffen herstellen, so dab er mehr oder weniger auoe den Geruchssinn verzichten kann und sich ganz und gar auoedas Auge stfitzt. Darum ist unser Geruchsverm6gen an sich recht rudimentiir und ein wenig entwickelter Sinn, der stark hinter dem Auge zurficksteht. Das ist fibrigens sehr zu unserem Nachteil denn die Luft muB schon sehr schlecht sein, beyor wir es merken. Trotz dieser Situation wirkt sich aber der Geruch gerade im Unmerkbaren aus. Ich sage: Die Atmosphiire gefiillt mir nicht, und ich weiB nicht genau warum. Aber irgendetwas ist mir nicht geheuer. So wirkt der Geruch wie eine Art yon geheimer moralischer Alarmanlage, speziell gegenfiber beson- deren sozialen Situationen. Man sagt jemandem: Gehen Sie doch mal hin und schnuppern Sie herum, ob sich etwas rut. Sich gegenseitig beschnuppern geh6rt nicht ganz hierher, denn es ist eine Analogie aus dem Hundeleben. Dasselbe gilt, wenn man dayon spricht, dab einer Unheil wittert. Trotzdem bleibt aber bezeichnend, dab man eine Metapher aus der Welt der Gerfiche
Purchased for the exclusive use of nofirst nolast (unknown) From: SCC Media Library & Resource Center (library.scconline.org)










































































