812 JOURNAL OF THE SOCIETY OF COSMETIC CHEMISTS tionsmodells der Kosmetik zu betrachten, erscheint vielleicht mtiBig. Abet es reizt gerade den Nichtparfiimeur, frei von dutch praktische Erfahrung und Routine gesetzten Vorurteilen, abet auf wissenschaftliche Verantwort- lichkeit gestiitzt, im Rahmen seines der Parfiimerie zugewendeten theoretischen Interesses, gedanklich zu skizzieren, was Olfaktoria und Kosmetika beziiglich der Auswirkungen ihrer Anwendung aufden Menschen, verdeckt vom allt•ig- lich iiblich Gewordenen, miteinander vetbinder. Sehr vorsichtig entwickle ich aufgrund zahlreicher Anregungen seitens der Puchologie, Sohio/ogle und Ethologie, selbstverst•indlich auch der Dermatologie und anderer medizinischer Teilgebiete, seit etwa 15 Jahren die theoretischen Grundlagen der Kosmetik. Initiiert wurde ich vor allem yon dem yon H. Truttwin (1) inaugurierten mir dem der Pharmageutischen verschwisterten Begriff der Kosmetischen Chemie und der yon M. Gumpert (2) 1928-1930 ersten Beschreibung der Kosmetik als Entstellungsbeka'mpfung und der Entstellung als asoziales Verhalten der menschlichen Gestalt. Die Weiterfiihrung dieset Gedanken machte uner- wafter neue Zusammenh•inge erkennbar, die die traditionelle Auffassung hisher verdeckt und damit die groBe soziale Bedeutung der wissenschaftlichen Fundierung der Kosmetik entzogen hatte. Es diirfte gelungen sein, ohne Willkiirlichkeit einige wesentliche Erkenntnisse aus den vorerw•ihnten speziellen Gebieten, die bisher hinsichtlich der Kosmetik nahezu g•inzlich unbeachtet geblieben waren, als zu ihrem Sinngehalt logisch geh6rig erkannt und einem neuen progressiven Verst•indnis iiberantwortet zu haben, wie Publikationen anderer Autoten in Biichern (3) und Zeitschriften (4) be- stiitigen. Das Adaptationsmodell der Kosmetik sei, unter Hinweis auf meine letz- ten entsprechenden Arbeiten (5), lediglich skizziert. DAS ADAPTATIONSMODELL DER KOSMETIK bezieht sich auf die Anwendung nut chemischer Mittel zur Beseitigung oder Verhinderung sinnlich wahmehmbarer, physisch-substantieller Entstellungen unterschiedlichen Grades des menschlichen Exterieurs. Auf diese Weise wehrt sich der entstellte, d. h. pha'nomorbide Mensch, der PMnopath, gegen die •lusstof•reaktion dutch •4daptation an seine so•ialen Umwe/len dutch Behebung oder Vorbeugung des entstellungsbewirkten sozialbedingten psychischen Leidenszustandes, der Pha'nomorbosital, je nach Geschlecht, ethnischer Herkunft und Alter des betroffenen Individuums und dem herrschenden Zeitgeist. Entstellungen, banale und gravierende, witken als •4ggressionsausl&er yon relativer Bedeutungs- schwere. Entstellungen sind auch sinnlich wahrnehmbare Krankheitssymptome und wirkungsbeeinlra'ch- tigre oderfehlende Schl/isselre&e. Die Wissenschaft von den Entstellungen des menschlichen Exterieurs, ihren Ursachen, Erscheinungsbildem, psychischen und sozialen Folgen, ihrer Verhiitung und ihrer Behandlung stellt sich als ein Querschnittfach dar, das von medi•inischen Teildis•iplinen und von Psychologie, von Soziologie und von Ethologie getragen wird und das ich zweckm•igig Phaniatrie nenne. Sie beinhaltet definitionsgem•ig die Kosme/ik als Pharmakolherapie des menschlichen Exterieurs,
DIE BEDEUTUNG DES PARFOMS 813 Die PMniatrika oder - herk6mmlich - Kosmetika, fiben zwei miteinander kausal verknfipfte Effekte aus. Einen spezifischen, direkt auf die Entstellung zur Behebung oder Vorbeugung gerich- teten physisch-substantiellen Effekt als Voraussetzung des unspezifischen ph•niatrischen Effektes, dutch den der Ph•inomorbositiit vorgebeugt oder sie behoben wird. Phiiniatrika sind nicht an eine bestimmte Applikationsweise zu binden. Die Applikation kann vielmehr gegebenenfalls kiinftig auch intern erfolgen, dann allerdings stets in argt/icher Kompeteng, wozu auch neben der Wirkstoff- und der Applikationsart sowie der Applikationsdauer, Wirkungs- breite und zu erwartende systematische oder lokale unerwfinschte Nebenwirkungen zwingen. Die Ansicht yon G. Hopf (6) und Christa Lfiders-Lohde (7) fiber die Kosmetik stimmt in ihrem wichtigen Wesenszug, der ditekten Verknfipfung mit GesundheiIser•iehung und Gesundheitspflege, reit dem Adaptationsmodel] fiberein. Dementsprechend babe ich die Ph•iniatrika, dem PostulaI der IVeltgesundheitsorganisation Rechnung tragend, wonach Gesundheit auch soziales Wohlbefinden einschlieBt, als So•ialhygienika charakterisiert. TATBESTXNDE UND BEGRIFFE Der Versuch, das ihrer wesentlichen Wirkung auf den Menschen nach Gemeinsame der Olfaktoria und PNiniatrika und somit unspezifisch Eigen- ttimliche deutlich zu machen, verlangt vorerst gewisse Festlegungen. Ko?pergeruchsspMre Beztiglich der K6rpergeruchsspNire, bekanntlich nach W. Neuhaus (8) ein Gemisch gr6Btenteils •ihnlicher Duftstoffe zur gleichen Schwellenstufe erg•inzt, soll im Prinzip der Auffassung yon L. L6hne (9) gefolgt werden. Dieset zufolge ist der Individual- oder Eigengeruch der individuelle Fein- geruch des reingehaltenen nackten K6rpers, zu dem sich variable Beigeri•che yon Duftstoffdeponaten exogener und endogener Herkunft auf der Haut- oberfl•iche gesellen. In AbNingigkeit yon Alter und Geschlecht, vom Grad der Sauberkeit, yon physiologischen und pathologischen Gegebenheiten sowie vom professionellen und privaten Milieu entsendet der Mensch an seine soziale Urnwelt wandelbare Gertiche. Dabei spielen die r•iumliche N•ihe der Individuen zueinander, die Dauer des Kontaktes und ihr Geruchsver- m6gen eine ftir die Wahrnehmung entscheidende Rolle. Die K6rpergeruchs- spNire unterliegt noch weiteren physikalisch-chemischen Einfltissen. Sie variiert mir der Diffusionsgeschwindigkeit der Duftstoffmolektile, mir at- mospNirischen und r•iumlichen Bedingungen, unvorhersehbaren Luftstr6- mungen beztiglich Intensit•it, Reichweite und Verdichtungsbereichen ent- sprechend bestimmten K6rperstellen, wie den Axillen und der genital-analen Region mir den apokrinen SchweiBdrtisen, den Arealen starker sekund•irer und der Kopfhautbehaarung. Die Bekleidung des K6rpers tibernimmt die Funktion eines k•instlichen Exterieurteilsubstrates, das vorzugsweise exogene Gertiche deponiert und den Eigengeruch des Individuums oft geradezu
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