J. Soc. Gosmelic Ghemists 23, 823-829 (1972) Kulturanthr op o 1 o gi s che Betrachtung zum Problem der Parfiimierung REN• KONIG* Nach einem-anliifflich des •ur Einweihungs/•ier des neuen lVerkes der Firma drom veranstalteten Symposiums - in D-802! Balerbrunn am !6. Juni !972 gehaltenen Vortrag* * Synopsis--Considerations of a oultural anthropologist to the problem of perfuming. The problem offered to sociologists and cultural anthropologists in perfume and perfuming with regard to their function in human social relations is illustrated by a scene of Marcel Proust's major work "A la recherche du temps perdu". The taste and smell of a certain pastry and tea revive the memory of the poet's own past. In the subconcsious memory of man, smells (and tastes) play a substantial r61e. The compulsion to create odorants is therefore phylogenetically conditioned. The human sense of smell being rather poor, man regards odorits as a secret moral alarming system in specific social situations. Man has been trying to control odouts in order to eliminate unpleasant smells. This is called "perfuming", through which man creates an olfactory uniform. The function of perfuming is that of a pre-language communication. * Forschungsinstitut far Soziologie (Ditektot Prof. Dr. R. K6nig), Universit•it K61n, D-5000 K61n 41, Greinstra13e 2. ** Redaktionelle Bemerkung: Kosmetik-Chemiker, besonders Riechstoffchemiker und Parf•i- meure, interessieren sich im allgemeinen gerade noch far den sinnesphysiologischen Aspekt ihres Schaffens. Mit fortschreitender Entwicklung auf dem Gebiet des Parfiimierens gewinnt die Einstellung der menschlichen Gesellschaft in psychischer Hinsicht zum Problem der K6r- pergeruchssph•ire und ihrer Auswirkung immer mehr an Bedeutung. Auf die Praxis iibt in zunehmendem Ma13e das soziale Moment intensiven Einflu13 aus. Die vorgenannten Fachleute wetden daher sich um Anregungen und somit um Informationen aus den Bereichen nicht nut der Psychologie, sondern auch der Soziologie und Kulturanthropologie bemiihen. Die Aus- fiihrungen des Autors erscheinen aus dieset Sicht wichtig und dem Charakter auch dieset Zeitschrift angemessen. Die Bemerkung verfolgt den Zweck, zu vermeiden, dab diese Arbeit f•ilschlicherweise etwa einem nichtfachlichen Gebiet zugez•ihlt wird, nut well sie sich u. a. auf Darlegungen von Dichtern sttitzt. H. Freytag 823
824 JOURNAL OF THE SOCIETY OF COSMETIC CHEMISTS Der groBe franz6sische Dichter Marcel Proust kommt in seinem Haupt- werk ,,A la recherche du temps perdu" mehrfach auf das Problem der Gertiche zu sprechen. Ich weiB kein besseres Beispiel, um unmittelbar nahezubringen, welche Funktion Gertiche in der sozialen Weltorientierung des Menschen spielen. Prousts Ziel ist, die eigene Vergangenheit wiederzufinden. Um das zu realisieren, versucht er sich vorzustellen, wie die Dinge objektiv waren, die ihm einstmals begegneten. Auch die Menschen versuchte er auf diese Weise wieder vor sein Ged/ichtnis zu zaubern. Abet so viel Mtihe er sich auch gab, es gelang ihm nut h6chst unvollkommen. Alles blieb rage, unanschaulich, irgendwie unfaBbar, obwohl er sich zu erinnern glaubte, dab er einmal vollst/indig in dieset Wirklichkeit gefangen gewesen war. W/ihrend er so vor sich hindachte, genoB er seinen Tee und aB ein Geb/icksttick, das man fran- z6sisch ,,Madeleine" nennt und das die Form einer Muschel hat. Gedankenlos stippte er es in seinen Tee und ftihrte es zum Munde, wie in frtihester Kindheit im Hause seiner GroBmutter getan, und p16tzlich waren da ein Geschmack und ein Geruch, aus denen die Vergangenheit hervorstieB, als sei sie Gegenwart. Ein lerner Sommertag stieg vor ihm auf, under sptirte den Geruch von trock- nem Stroh, in das sich auch der Geschmack yon Staub mischte. Aus Geschm•icken und Gertichen kam mehr als aus seinem Vorstellungs- ver, m6gen. Es erging Marcel Proust •ihnlich wie dem irischen Dichter James Joyce, der gegen die ,,unentrinnbare Objektivit•it des Sichtbaren" ank•impfte, um dahinter die tiefen Grtinde der Wirklichkeit zu erfassen, nur dab er diese nicht suchte durch Geschmack und Geruch, sondern durch den Klang der Sprache. Proust seinerseits kam zu dem SchluB, dab die Obermacht des Auges, die aus dem Menschen ein sehendes Wesen macht, diesen Menschen nicht nur - wegen seines aufrechten Ganges - vielen anderen Tieren tiberlegen macht, sondern gleichzeitig in seinen Erlebnism6glichkeiten einschr•nkt denn so sehr sich der Dichter bemtiht hatte, das Vergangene wieder ,,zu sehen", es gelang ihm nicht. Durch den Geruch und den Geschmack war aber alles derart greifbar wieder da, als sei es hiereals vergangen gewesen. Entsprechend dieser Erfahrung unterscheidet Marcel Proust zwischen einem tiberwiegend visuell bestimmten Oberfl•ichenged•ichtnis und dem Tiefenged•ichtnis, in dem Geschmack und Gertiche, aber auch Kl•inge und T6ne eine besondere Rolle spielen. Sein philosophischer Lehrer Henri Bergson bringt dies Tiefenged•chtnis mir dem allgemeinen Begriff der sch6pferischen Entwicklung, mir der Spontaneit•t und mir der Tiefendimen- sion des Instinkts zusammen. Letzteres hat ftir uns heute neue Aspekte er- halten, es bleibt aber nach wie vor in der Humangenetik eine besondere Stellung yon Geschmack und Geruch, die gewissermaBen phylogenetisch, also stammesgeschichtlich frtiher ansetzen als das Auge. Damit entwickelt sich schon hier die herausgehobene Stellung des Geruchs, zun•chst vetstan- den als Geruchsverm6gen. Damit wird auch nahegelegt die ktinstliche Her- stellung yon Riechstoffen, zun•ichst wie der Mensch sie in der Natur vor-
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