KULTURANTHROPOLOGISCHE BETRACHTUNG 825 findet, dann aber auch ganz kfinstliche Gerfiche. Ich schulde Rechenschaft darfiber, warum ich fiberhaupt dayon angefangen habe. Ffir die Soziologie, die Kulturanthropologie und letztlich auch oefir die Sozialpsychologie gilt eine Regel, dab Verhaltensweisen, die phylogenetisch sehr oerfih ansetzen, auch besonders hartniickig sin& Sie dominieren in ganz anderer Weise als etwas Angelerntes. Soziale Institutionen, aber auch be- stimmte Formen zwischenmenschlicher Beziehungen, sind um so dauer- halter, als sie in solchen Dimensionen aufruhen. Man spricht dann geradezu yon ihrer Unbelehrbarkeit durch irgendwelche entgegenstehende Erfahrungen. Dazu geh6ren etwa Erscheinungen des Sexuallebens, aber auch Fragen der Macht, der Familien- und Verwandtschaoetsbeziehungen, ja sogar der Vorurteile. Ein anderes Beispiel: Das Saugen geh6rt zu den menschlichen Techniken des K6rpers, die arterhaltend sind ohne Fiihigkeit des Saugens k6nnte sich der Mensch nicht erniihren. Nun - es scheint, dab hereits der Embryo im Mutterleib am Daumen lutscht, so dab es ihm keine Mfihe macht, die Technik des Saugens yon der Mutterbrust sofort anzuwenden, nachdem er zur Welt gekommen ist. Ganz iihnlich steht es mir der Rolle der Gerfiche in der menschlichen Weltorientierung, und zwar ganz besonders im Sozialen. Die Riechkraoet, fiber die Hunde und viele andere Tiere verffigen, ist dem Menschen zweifellos versagr. An deren Stelle verffigt er fiber das Auge. Dazu hat er einen auf- rechten Gang, der sein Blickoeeld vergr6Bert. Da er auBerdem mir einer einzigartig geformten Hand ausgestattet ist, kann er diese selbst als Waffe benutzen oder mir ihr Waffen herstellen, so dab er mehr oder weniger auoe den Geruchssinn verzichten kann und sich ganz und gar auoedas Auge stfitzt. Darum ist unser Geruchsverm6gen an sich recht rudimentiir und ein wenig entwickelter Sinn, der stark hinter dem Auge zurficksteht. Das ist fibrigens sehr zu unserem Nachteil denn die Luft muB schon sehr schlecht sein, beyor wir es merken. Trotz dieser Situation wirkt sich aber der Geruch gerade im Unmerkbaren aus. Ich sage: Die Atmosphiire gefiillt mir nicht, und ich weiB nicht genau warum. Aber irgendetwas ist mir nicht geheuer. So wirkt der Geruch wie eine Art yon geheimer moralischer Alarmanlage, speziell gegenfiber beson- deren sozialen Situationen. Man sagt jemandem: Gehen Sie doch mal hin und schnuppern Sie herum, ob sich etwas rut. Sich gegenseitig beschnuppern geh6rt nicht ganz hierher, denn es ist eine Analogie aus dem Hundeleben. Dasselbe gilt, wenn man dayon spricht, dab einer Unheil wittert. Trotzdem bleibt aber bezeichnend, dab man eine Metapher aus der Welt der Gerfiche
826 JOURNAL OF THE SOCIETY OF COSMETIC CHEMISTS nimmt, um das Herannahen yon etwas Unbekanntem, Unheimlichem, Un- voraussehbarem anzuzeigen. Damit ist die Tiefendimension neuerlich eriSff- net, yon der ich zu Anfang sprach. In dieset Tiefendimension entwickeln sich abet auch spo.ta.e e/eme.tare so•iale 17erhiiltnisse wie S•ympathie und ,4ntipathie, und wieder greift man zu Metaphern aus der Geruchswelt: Ich kann ihn nicht riechen. Ubrigens schwimmen hier oft die belden Dimensionen des Geruchs und des Ge- schmacks zusammen. So sagt man im Schweizer Deutschen: Ich kann ihn nicht ,,schmiScken". So werden Antipathien begrilndet, beyor noch ein anderes Instrument des sozialen Verkehrs, die Sprache, ansetzt. Gerilche wirken also als nichtsprachliche oder vorsprachliche Kommunikation und beweisen ilbrigens ebenfalls die vorher erwiihnte ausgesprochene Unbelehrbarkeit. Denn wenn man jemanden nicht riechen kann, helfen einfach keine Be- teuerungen intellektueller Art, wie gut, wie tilchtig, wie sympathisch der andere sei. Damit wird der Geruch zu einem wesentlichen Steuerungssystem unseres unmittelbaren sogialen Urngangs. Man setzt vielleicht nicht mehr Geruchs- signale wie der Hund oder ein anderes Tier, abet man orientleft sich blind- lings an solchen Signalen, ganz gleich, wie sie im ilbrigen entstanden sein miSgen. Angesichts dieset Situation kann es nicht ausbleiben, dab man erst unbewu13t, dann bewu13t versucht, den Geruch derart zu steuern, dab man eben nicht in schlechten Geruch kommt. Diese Manipulation einer stammes- geschichtlich sehr tier begr•ndeten Fertigkeit des Menschen nennen wit abet Par- f•nierung. Wenn wit sagen ki3nnen, dab sich der Mensch sogial am Geruch orientiert, um ilber Sympathie oder Antipathie zu entscheiden, so kann man sofort hinzufilgen, dab er offensichtlich seit Jahrhunderttausenden diese Welt der Gerilche zu beherrschen gesucht hat dutch Herstellung yon Parfilms. Gerilche sind nun au13erordentlich flilchtig, so sind uns Duftstoffe aus alten Zeiten nicht erhalten, so dab wit nichts ilber ihre Zusammensetzung sagen kiSnnen. Wohl abet sind uns die Behiilter erhalten, in denen Parfilms trans- portleft wurden. Die iigyptischen, griechischen und riSmischen Museen sind roll yon solchen Parfilmfliischchen. Gerade aus den bildlichen Darstellungen der alten •gypter kiSnnen wit abet den Gebrauch dieset Fliischchen erkennen. In anderen gro13en Dokumenten der Geschichte, wie z. B. dem alten Testa- ment, wird etwa in den Liedern Salomons sehr eingehend ilber Parfilmierung gesprochen, wobei er uns gleichzeitig einen Oberblick gibt ilber die Varietiit der damals verfilgbaren Parfilms. All das erlaubt uns gewisse Rilckschlilsse, wenn wit solche Objekte bei anderen frilhgeschichtlichen Kulturen im Mitt- leren Osten, in Indien, China und Japan finden. Parfilms gehi3ren eben seit
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