KULTURANTHROPOLOGISCHE BETRACHTUNG 827 jeher zur Kosmetik der vornehmen Damen, abet auch der Minner. In den heutigen Kulturen der sogenannten Dritten Welt finden wit das gleiche. Die Afrikaner sind groB in der Herstellung vielet Parfilms, und zwar sowohl die Araber wie die Schwarzafrikaner. Man spricht berechtigterweise von den Wohlgerilchen Arablens. Viel mehr trifft das abet noch filr Indien zu, wo mir Gerilchen geradezu ein Kult getrieben wird. Es gibt nicht nut zahllose Formen yon Weihrauch und Riiucherkerzen oder R•iucherf•iden, sondern auch MObel aus wohlriechenden H•51zern. Wohlriechende H•51zer wurden seit jeher yon den groBen Seefahrern und Entdeckern nach Europa gebracht sie waren mindestens so begehrt wie Gold. Weir verbreitet ist die Sitte, sich sogar auf der StraBe ein pers•3nliches Riechklima zu schaffen. So kann man in Nordafrika ilberall auf der StraBe kleine JasminstriuBchen kaufen, die sich die M•inner hinter die Ohren, unter den Fez oder Turban klemmen. Dann sinkt der Geruch in die Nase. Der Sinn dieses Verhaltens liegt darin, dab man auf den Wohlduft auch auf der StraBe nicht verzichten will. Und das hat seinen guten Grund, denn man will gegen die schlechten Gerilche der StraBe ank•impfen. Gerade in primitiven Kulturen, die ilberhaupt nichts zur Vernichtung von Unrat taten, muB es unheimlich gestunken haben. Man kann das heute noch in jedem orientalischen St•idt- chen erieben, wo die Kanalisation often ilber die StraBe verl•iuft. Das war abet in unseren mittelalterlichen Staidten genau so. Auch da hat es also gestunken. Es gibt eine Beschreibung sogar der Stadt K•51n aus dem 18. Jahrhundert, in der der schlechte Geruch dieset Stadt verfiucht wird. So war es eine durchaus wohlbegrilndete Selbstwehr, wenn man sich mir einer eigenen GeruchsatmospNire umgab. Auch von den Bienen sagen wit, dab sie eine Geruchsuniform tragen. Die Parfilmierung schafft beim Menschen kilnstlich eine solche Geruchsuniform, die ihn in gewisser Weise vor den schlechten Gerilchen der Urnwelt schiltzt. Die Geruchsuniform dient abet auch dazu, ein Individuum zu erkennen, das nicht ,,dazugeh•3rt". Die Biene, die anders riecht, wird vom Bienenstock vertrieben oder gat get&et. Man will gewisse Gerilche meiden. Diese spielen insbesondere eine Rolle bei der Unterscheidung der sozialen Klassen. So spricht man etwa vom ,,Arme-Leute-Geruch". Der schwedische Dichter August Strindberg verband damit Kohlgeruch, well Kohl ein billiges Nah- rungsmittel ist und infolgedessen von den armen Klassen am meisten kon- sumleft wird. In anderen Kulturen sind es andere Gerilche, zum Beispiel am Mittelmeer, im Balkan und im Orient der Knoblauch. Dazu geNSten auch die vermeintlichen ,,Rassengerilche", die allerdings nichts mir Rassen zu tun haben, sondern nut mir besonderen Ern•ihrungsweisen (wiederum Knob-
828 JOURNAL OF THE SOCIETY OF COSMETIC CHEMISTS lauch und Zwiebeln). Sie sind eben vielfach auch nut der Geruch armer Leute. Wobei gesagt werden muB, dab die weiBe Rasse in dieset Hinsicht ganz ungew6hnlich arrogant ist, indem sie immer vom schlechten Geruch der Neger spricht und sich niemals die Frage stellt, ob nicht auch weiBe Menschen wegen ihrer Erniihrungsweise f/fir den Neger ,,schlecht" riechen, und zwar heiBt es, der weiBe Mann r6che s•iuerlich. Seit jeher haben sich insbesondere die ostasiatischen V61ker, also Chinesen und Japaner,/fiber den schlechten Geruch der Europ•ier aufgehalten, weil sie eine Sauberkeitskultur hatten, die der der durchschnittlichen Europ•ier welt/fiberlegen war, und damit unangenehme Get/fiche vermieden. Wenn abet schon yon Rassen die Rede ist, taucht sofort der Begriff der Rassenk•impfe auf. Die Behauptung der Existenz yon Rassenger/fichen wird n•imlich gemeinhin von einer b loBen Feststellung zu einer Rechtfertigung f/fir aggressive Akte. Man kann sagen, dab _/tggressivit•t, die sich aus Ger/fichen und Geschm•ickern n•ihrt, in der Tat stammesgeschichtlich sehr fief einge- bettet ist. Damit f/fihrt uns die soziale Funktion der Get/fiche in iramet frag- w/firdigere Dimensionen des sozialen Lebens. Um so wichtiger wird es, diese Dimension der Get/fiche beherrschen zu lernen und zu steuern. Kulturanthro- pologisch gesehen, erNilt die Parf/fimierung in der Tat ihre Bedeutung aus einer stammesgeschichtlich sehr fief begr/findeten Ged•ichtnisdimension und wird yon da aus zu einer vorsprachlichen Kommunikation, sowoN im Posi- riven wie im Negativen, in der Sympathie wie in der Antipathie. ZUSAMMENFASSUNG Das yon Parr/rims und Parf/fimierung f/fir den Soziologen und Kulturanthro- pologen gebotene Problem wird hinsichtlich der Funktion und der besonde- ren menschlichen Sozialordnung durch eine Szene in des bedeutenden fran- z6sischen Dichters Marcel Proust Hauptwerk ,,A la recherche du temps perdu" wiedergegeben. Geschmack und Geruch eines Geb•icks und eines Tees erwecken erst die Erinnerung an die eigene Vergangenheit. Im Tiefen- ged•ichtnis des Menschen sind Get/fiche (und Geschmack) wesehrlich. Der Zwang zur Herstellung yon Riechstoffen ist phylogenetischen Ursprungs. Mir dem recht geringen menschlichen Geruchsverm6gen wirkt der Geruch wie eine geheime moralische Alarmanlage in besonderen sozialen Situationen. Der Mensch versucht, den Geruch zu steuern, um den schlechten auszu- schalten. Dies heiBt Parf/fimierung. Er gewinnt durch sie eine Geruchsuni- form. Parfiimierung entspricht in ihrer Funktion vorsprachlicher Kommu- nikation,
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